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Stihl will Anteil der Akku-Geräte bis 2035 auf 80 % erhöhen

Stellen Sie sich einen dichten Nadelwald am frühen Morgen vor. Die Sonne bricht durch das Geäst, der Tau glitzert auf dem Farn, und die Stille wird nur vom fernen Klopfen eines Spechts unterbrochen. Plötzlich setzt ein Geräusch ein – aber es ist nicht das aggressive, kreischende Aufheulen eines Zweitaktmotors, das kilometerweit durch die Täler hallt. Es ist ein kraftvolles, aber dezentes Surren, das fast im Rauschen der Baumwipfel untergeht. Dieser akustische Wandel ist das weithin hörbare Signal einer industriellen Revolution, die eines der traditionsreichsten deutschen Unternehmen im Kern erschüttert und neu definiert. Stihl, der Weltmarktführer bei Kettensägen, hat eine Entscheidung getroffen, die das Ende einer Ära einläutet: Bis zum Jahr 2035 sollen 80 Prozent aller verkauften Geräte mit Akku betrieben werden. Das ist kein bloßer Trend, dem man folgt; es ist eine radikale Neuausrichtung eines Giganten, dessen Name fast ein Jahrhundert lang untrennbar mit fossilen Brennstoffen verbunden war.

Dieser Wandel kommt nicht von ungefähr, sondern ist die Antwort auf eine Welt, die sich schneller dreht, als es manchem Puristen lieb sein mag. Michael Traub, der Vorstandsvorsitzende von Stihl, hat eine klare Marschrichtung vorgegeben. Die Strategie ist dabei so mutig wie riskant. Wer heute ein Fachgeschäft für Forsttechnik betritt, findet dort noch immer die massiven, orangefarbenen Kraftpakete, die nach Benzin und Öl riechen. Doch direkt daneben glänzen die neuen, cleanen Gehäuse der AP- und AS-Akkusysteme. Der Übergang ist in vollem Gange, und er betrifft nicht nur die Hobbygärtner, die am Samstagnachmittag ihren Rasen trimmen. Es geht um die Profis – die Forstwirte, die Landschaftsbauer und die kommunalen Dienstleister –, für die ein Werkzeug kein Spielzeug, sondern die Existenzgrundlage ist. Die Frage, die im Raum steht, ist simpel: Kann ein Akku die rohe Gewalt einer Benzinmotorkettensäge wirklich ersetzen?

Die Antwort liegt in der massiven Investition, die das Unternehmen in Forschung und Entwicklung pumpt. Es geht um Milliardenbeträge, die in die Optimierung der Energiedichte, das Wärmemanagement und die Effizienz der bürstenlosen Elektromotoren fließen. Stihl baut nicht einfach nur Werkzeuge um; sie erfinden die Art und Weise, wie Energie mobil genutzt wird, neu. Dabei steht das Unternehmen vor der Herausforderung, eine loyale Kernkundschaft mitzunehmen, die mit dem Geruch von Abgasen und dem charakteristischen Vibrieren eines Verbrenners aufgewachsen ist. Es ist ein Balanceakt zwischen Tradition und der unerbittlichen Notwendigkeit der Dekarbonisierung, der in der Branche seinesgleichen sucht.

Die strategische Kehrtwende in Waiblingen: Ein Blick hinter die Zahlen

Hinter der Zahl von 80 Prozent verbirgt sich ein gigantischer Transformationsprozess, der weit über die Fließbänder in Waiblingen hinausgeht. Derzeit liegt der Anteil der Akkugeräte bei Stihl noch in einem Bereich, der deutlich unter der Hälfte des Gesamtabsatzes rangiert. Die Steigerung auf 80 Prozent innerhalb von nur gut einem Jahrzehnt erfordert eine exponentielle Wachstumskurve. Das bedeutet konkret: Jede Neuentwicklung, jedes Marketingbudget und jede Schulung für Fachhändler ist nun primär auf die elektrische Schiene ausgerichtet. Stihl weiß, dass der Markt für Verbrennungsmotoren nicht über Nacht verschwinden wird, aber er wird in eine Nische gedrängt werden – für Spezialeinsätze in extrem entlegenen Gebieten oder für Rettungskräfte, die auf absolute Autarkie angewiesen sind.

Die Entscheidung für 2035 ist auch eine Reaktion auf die globalen regulatorischen Rahmenbedingungen. In vielen US-Bundesstaaten, wie etwa Kalifornien, werden die Daumenschrauben für kleine Off-Road-Motoren (SORE) bereits massiv angezogen. Verbote für den Verkauf neuer benzinbetriebener Gartengeräte sind dort keine ferne Zukunftsmusik mehr, sondern geltendes Recht oder unmittelbar bevorstehend. Stihl agiert hier proaktiv, um nicht von der Gesetzgebung überrollt zu werden. Wer weltweit Marktführer bleiben will, muss die Standards von morgen heute schon in die Produktion überführen. Dabei ist die Skalierbarkeit das entscheidende Stichwort. Die Produktion von Elektromotoren und Akkupacks folgt völlig anderen ökonomischen Gesetzen als der klassische Motorenbau.

Interessant ist dabei die vertikale Integration. Stihl investiert massiv in eigene Zelltechnologien und Batteriemontagen. Man will sich nicht gänzlich von asiatischen Zulieferern abhängig machen, sondern die Kernkompetenz im eigenen Haus behalten. Das ist ein strategischer Schachzug, der zeigt, wie ernst es dem Familienunternehmen ist. Es geht nicht nur darum, fertige Komponenten zusammenzuschrauben, sondern die Steuerungselektronik und die Zellchemie so zu optimieren, dass sie den extremen Belastungen im Forst – Kälte, Nässe, harte Stöße – standhalten. Ein Akku in einer Kettensäge muss unter Bedingungen funktionieren, bei denen ein Smartphone-Akku längst den Dienst quittieren würde.

Physik trifft Forstwirtschaft: Warum das Drehmoment alles verändert

Lange Zeit galt das Vorurteil, dass Akkugeräte nur etwas für den sanften Rückschnitt von Hecken seien. Doch die Physik hat in den letzten Jahren gewaltige Sprünge gemacht. Moderne Elektromotoren haben einen entscheidenden Vorteil gegenüber ihren benzinbetriebenen Verwandten: das sofort verfügbare Drehmoment. Während ein Benzinmotor erst auf Drehzahl kommen muss, um seine volle Kraft zu entfalten, liegt die Power beim Elektroantrieb ab der ersten Millisekunde an. Wer einmal die MSA 300, das aktuelle Flaggschiff der Stihl-Akkusägen, in der Hand hatte, weiß, was das in der Praxis bedeutet. Der Durchzug im Holz ist konstant, die Vibrationen sind minimal, und die Lärmentwicklung ist so gering, dass in lärmsensiblen Bereichen wie Krankenhäusern oder Wohngebieten ohne Gehörschutz gearbeitet werden kann.

Ein oft unterschätzter Faktor ist das Leistungsgewicht. Früher waren Akkus schwer und leistungsschwach. Heute erreichen Profi-Akkusägen ein Verhältnis, das fast an die legendären Benzinmodelle herankommt. Zudem fällt die aufwendige Wartung weg. Kein Vergaser, der gereinigt werden muss, keine Zündkerzen, kein Luftfilterwechsel im klassischen Sinne. Das spart den Betrieben Zeit und Geld. Für einen Garten- und Landschaftsbauer (GaLaBau) bedeutet das: Das Gerät ist immer einsatzbereit. Ein Knopfdruck genügt, und die Arbeit beginnt. Kein mühsames Anwerfen, kein Frust bei Kaltstarts im Winter.

Die technologische Entwicklung macht jedoch nicht bei der Säge halt. Das gesamte Ökosystem wächst. Rückentragbare Akkus mit Kapazitäten von über 1.500 Wattstunden ermöglichen Arbeitsschichten, die früher undenkbar waren. Stihl integriert zudem intelligente Softwarelösungen. Über „Stihl Connected“ können Flottenmanager genau sehen, wie lange ein Gerät gelaufen ist, wie der Zustand des Akkus ist und wann die nächste Wartung der mechanischen Komponenten (wie der Schiene oder Kette) ansteht. Diese Verschmelzung von Hardware und digitaler Analyse ist das Rückgrat der 80-Prozent-Vision. Der Akku ist hier nicht nur Energielieferant, sondern auch Datenspeicher.

Herausforderung Infrastruktur: Wenn der Wald keine Steckdose hat

Trotz aller Euphorie bleibt ein kritischer Punkt: Die Logistik der Energie. Ein Forstwirt, der acht Stunden tief im Wald arbeitet, kann nicht einfach zur nächsten Steckdose gehen. Hier zeigt sich, dass der Wandel zum Akku eine komplette Umgestaltung des Arbeitsalltags erfordert. Stihl hat dieses Problem erkannt und bietet Lösungen an, die über das reine Werkzeug hinausgehen. Mobile Powerstations, die wie riesige Powerbanks fungieren, können auf dem Anhänger oder im Transporter mitgeführt werden. Sie ermöglichen es, leere Akkus direkt vor Ort wieder aufzuladen. Das erfordert jedoch eine exakte Planung des Arbeitstages. Man tankt nicht mehr in fünf Minuten nach, man managt Ladezyklen.

Für kommunale Betriebe ist die Umstellung oft einfacher. Die Fahrzeuge kehren abends in den Bauhof zurück, wo eine Ladeinfrastruktur installiert werden kann. Doch selbst hier gibt es Hürden. Wenn eine ganze Flotte von 50 Fahrzeugen gleichzeitig geladen werden muss, stößt die lokale Stromleitung schnell an ihre Grenzen. Stihl berät hier seine Kunden zunehmend auch in Fragen des Lastmanagements. Es geht weg vom reinen Verkauf von Werkzeugen hin zu einer Systemberatung. Dieser Wandel in der Kundenbeziehung ist fundamental. Der Händler wird zum Energieberater.

Ein weiterer Aspekt ist die Nachhaltigkeit der Akkus selbst. Kritiker verweisen oft auf die Rohstoffe wie Lithium und Kobalt. Stihl begegnet diesem Thema durch geschlossene Kreisläufe und Recyclingprogramme. Das Ziel ist es, die wertvollen Materialien nach Ende der Lebensdauer eines Akkupacks zurückzugewinnen. In einer Welt, in der die ESG-Kriterien (Environmental, Social, Governance) für Unternehmen immer wichtiger werden, ist eine saubere Lieferkette und eine hohe Recyclingquote kein optionales Extra mehr, sondern eine Grundvoraussetzung für den Markterfolg. Der Druck kommt dabei nicht nur von den Kunden, sondern auch von Investoren und Banken.

Der kulturelle Wandel: Von Benzin im Blut zu Strom im Herzen

In der Forst-Community ist die Kettensäge mehr als nur ein Werkzeug – sie ist ein Kultobjekt. Das markante Geräusch und die rohe Kraft sind tief in der Identität vieler Waldarbeiter verwurzelt. Stihl muss daher nicht nur technische, sondern auch emotionale Überzeugungsarbeit leisten. Es geht darum zu zeigen, dass „leise“ nicht „schwach“ bedeutet. Tatsächlich berichten viele Profis nach dem Umstieg von einer deutlich geringeren körperlichen Belastung. Weniger Vibrationen führen zu weniger Ermüdung und verringern das Risiko von Langzeitschäden wie der Weißfingerkrankheit.

Interessanterweise findet ein Generationenwechsel statt. Jüngere Forstarbeiter, die mit Smartphones und Elektromobilität aufgewachsen sind, haben oft weniger Berührungsängste. Sie schätzen die Einfachheit und die geringere Lärmbelastung. Man kann sich während der Arbeit besser verständigen, was auch die Sicherheit im Team erhöht. Warnrufe werden nicht mehr vom Motorenlärm übertönt. Diese sicherheitsrelevanten Vorteile sind ein starkes Argument in der Kommunikation mit Berufsgenossenschaften und Arbeitgebern.

Dennoch gibt es die Skeptiker, die den „Verlust der Seele“ beklagen. Für sie bleibt die Benzinmaschine das Maß aller Dinge. Stihl begegnet dem klug, indem sie die restlichen 20 Prozent für genau diese Zielgruppen und Spezialanwendungen vorhalten. Es ist keine diktatorische Umstellung, sondern ein Angebot an die Vernunft und die Effizienz. Wenn der Akku am Ende des Tages die gleiche Arbeit mit weniger Anstrengung und geringeren Betriebskosten erledigt hat, verstummen die meisten Zweifel von selbst. Der ökonomische Vorteil durch den Wegfall teurer Sonderkraftstoffe ist letztlich das schlagkräftigste Argument in jedem Betriebsergebnis.

Wirtschaftliche Auswirkungen und der Kampf um die globale Spitze

Der Markt für Outdoor-Power-Equipment ist hart umkämpft. Konkurrenten wie Husqvarna aus Schweden oder Makita aus Japan schlafen nicht. Insbesondere Makita hat durch seine Dominanz im allgemeinen Elektrowerkzeugmarkt einen strategischen Vorteil: Viele Handwerker besitzen bereits Akkus des Systems und kaufen dann eher eine Heckenschere des gleichen Herstellers. Stihl muss also sein eigenes Ökosystem so attraktiv gestalten, dass Kunden loyal bleiben. Das AP-System ist die Antwort darauf – ein robuster Standard, der vom Rasenmäher bis zur Profisäge alles antreibt.

Ein interessanter Aspekt der 2035-Strategie ist die Auswirkung auf die globalen Produktionsstandorte. Während die Produktion von Verbrennungsmotoren hochkomplexe mechanische Fertigungsprozesse erfordert, ist die Akku-Assemblierung stärker automatisiert. Das könnte langfristig die Produktionskosten senken, erfordert aber massiv geschultes Personal in den Bereichen Elektronik und Software. Stihl investiert daher Unsummen in die Ausbildung. Es entstehen völlig neue Berufsbilder im Unternehmen. Der klassische Mechaniker wird zum Mechatroniker mit IT-Kenntnissen.

Zudem eröffnet der Akku-Markt neue Kundengruppen. Urban Gardening und die Pflege privater Gärten in dicht besiedelten Gebieten boomen. Hier ist Lärm das Ausschlusskriterium Nummer eins. Wer morgens um acht in einer Reihenhaussiedlung arbeitet, kann dies nur mit Akku tun, ohne den Zorn der Nachbarschaft auf sich zu ziehen. Stihl nutzt seine starke Marke, um in diesen Consumer-Markt einzudringen, ohne dabei den Ruf als Profi-Ausrüster zu verlieren. Es ist eine Gratwanderung zwischen dem „harten Kerl im Forst“ und dem „modernen Stadtgärtner“.

Die Werkstatt der Zukunft: Software-Updates statt Vergaser-Tuning

Was passiert mit dem Fachhandel, wenn 80 Prozent der Geräte kaum noch mechanische Wartung benötigen? Das ist eine existenzielle Frage für Tausende von Stihl-Händlern weltweit. Bisher lebten viele Werkstätten von den regelmäßigen Inspektionen und Reparaturen der Verbrennungsmotoren. Ein Akkumotor ist im Vergleich dazu fast wartungsfrei. Doch das bedeutet nicht das Ende des Fachhandels, sondern seine Transformation. Der Service der Zukunft findet am Laptop statt. Fehlerdiagnose über Schnittstellen, Software-Optimierungen für die Motorsteuerung und das Management ganzer Geräteflotten sind die neuen Geschäftsfelder.

Zudem bleibt die Mechanik erhalten. Ketten müssen geschärft, Schienen gewechselt und Getriebe geschmiert werden. Die Fachhändler werden zu Zentren für Energieberatung und digitale Services. Stihl unterstützt diesen Prozess durch umfangreiche Partnerprogramme. Der Händler verkauft nicht mehr nur eine Säge, sondern eine Produktivitätseinheit inklusive Ladekonzept. In einer Welt, in der die Komplexität der Systeme steigt (Vernetzung, Cloud-Anbindung), ist der kompetente Ansprechpartner vor Ort wichtiger denn je – auch wenn er nicht mehr mit ölverschmierten Fingern am Vergaser dreht.

Letztlich ist die Entscheidung für 2035 ein Bekenntnis zur Zukunftsfähigkeit des Standorts Deutschland und der Marke Stihl weltweit. Es ist die Anerkennung, dass technologischer Stillstand der sicherste Weg in die Bedeutungslosigkeit ist. Indem Stihl den Akku ins Zentrum stellt, sichert das Unternehmen seine Relevanz in einer CO2-neutralen Wirtschaft. Die orangefarbene Welt wird leiser, sauberer und digitaler – aber sie bleibt kraftvoll.

Wenn wir in zehn Jahren in den Wald gehen, wird sich vieles verändert haben. Die Arbeit wird effizienter sein, die Luft sauberer und die Belastung für die Arbeiter geringer. Doch eines wird gleich bleiben: Das Werkzeug in der Hand der Profis wird die Handschrift der Ingenieurskunst aus Waiblingen tragen. Es ist faszinierend zu beobachten, wie ein Unternehmen seine eigene Identität nicht verliert, sondern sie durch radikale Innovation schützt. Der Weg bis 2035 ist noch weit, und es wird Rückschläge geben, technische Hürden und skeptische Stimmen. Aber der Kurs ist gesetzt. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet die Stille das nächste große Markenzeichen von Stihl werden würde? Es ist an der Zeit, die Ohren zu spitzen – die Zukunft der Arbeit im Freien hat bereits begonnen, und sie klingt verdammt gut.

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