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Stihl 045 AV Super

Es gibt Geräusche, die man nie wieder vergisst, wenn man sie einmal im dichten Unterholz eines herbstlichen Waldes gehört hat. Das tiefe, fast schon bedrohliche Grollen einer Stihl 045 AV Super gehört zweifellos dazu. Wer heute eine moderne, federleichte Motorsäge aus dem Regal eines Baumarkts nimmt, hält ein praktisches Werkzeug in den Händen. Wer jedoch den Startergriff einer 045 AV Super zieht, weckt eine Legende der Forstgeschichte zum Leben. Diese Säge ist kein Spielzeug für Wochenendgärtner; sie ist ein massives Stück Eisen und Magnesium, das zu einer Zeit gebaut wurde, als Hubraum noch durch nichts zu ersetzen war außer durch noch mehr Hubraum. In einer Welt, die immer kurzlebiger wird, steht dieses Kraftpaket als Monument für eine Ära, in der Werkzeuge für die Ewigkeit konstruiert wurden.

Haben Sie sich jemals gefragt, warum erfahrene Forstarbeiter glänzende Augen bekommen, wenn sie über die alten ‚0er‘-Serien von Stihl sprechen? Es ist dieses unvergleichliche Drehmoment, das sich anfühlt, als gäbe es kein Hindernis, das groß genug für diese Kette wäre. Die Stihl 045 AV Super markierte den Höhepunkt einer Entwicklung, die das Fällen von Starkholz von einer qualvollen Plackerei in eine hocheffiziente, wenn auch körperlich fordernde Arbeit verwandelte. Sie war die Antwort auf die riesigen Tannen und Buchen Mitteleuropas und Nordamerikas. Wer diese Maschine heute besitzt, hütet oft einen Schatz, der weit über den reinen Materialwert hinausgeht.

Man muss die physische Präsenz dieser Säge verstehen, um ihre Bedeutung einordnen zu können. Mit einem Trockengewicht, das locker die 8-Kilogramm-Marke knackt, fordert sie ihrem Bediener alles ab. Doch im Gegenzug schenkt sie ihm eine Zuverlässigkeit, die moderne Plastikgehäuse oft vermissen lassen. Es ist die Verbindung aus roher Gewalt und präziser deutscher Ingenieurskunst, die die 045 AV Super zu einem Sammlerobjekt und gleichzeitig zu einem immer noch einsetzbaren Arbeitstier macht. Gehen wir einen Schritt zurück und betrachten wir, was diese Maschine im Kern so besonders macht.

Die Evolution der Kraft: Was das ‚Super‘ im Namen wirklich bedeutet

In der Nomenklatur von Stihl war der Zusatz ‚Super‘ nie nur Marketing-Sprech. Während die Standardversion der 045 bereits ein respektables Arbeitsgerät war, legte die Super-Variante in den entscheidenden Disziplinen nach. Mit einem Hubraum von satten 80,7 Kubikzentimetern und einer Bohrung von 54 Millimetern katapultierte sich die Maschine in eine Leistungsklasse, die damals ihresgleichen suchte. Wir sprechen hier von etwa 5,5 PS, die nicht etwa durch extrem hohe Drehzahlen, sondern durch schiere Kraft aus dem Keller generiert werden. Das ist der Grund, warum die Kette auch dann nicht stehen bleibt, wenn das Schwert voll im Saft einer alten Eiche versinkt.

Stellen Sie sich vor, Sie stehen vor einem Stamm mit einem Meter Durchmesser. Eine moderne Mittelklassesäge würde hier laut aufheulen und bei zu viel Druck sofort in die Knie gehen. Die 045 AV Super hingegen frisst sich mit einer stoischen Gelassenheit durch das Holz, die fast schon meditativ wirkt, wäre da nicht der ohrenbetäubende Lärm des 80er-Jahre-Auspuffs. Diese Kraftentfaltung ist linear und berechenbar. Es gibt kein digitales Management, keine elektronische Vergasersteuerung – nur Mechanik, Luft und Benzin in ihrer reinsten Form. Das macht die Säge für Mechaniker der alten Schule zu einem Traum, da jedes Bauteil noch eine klare Funktion hat, die man mit bloßem Auge verstehen kann.

Ein oft übersehener Aspekt der ‚Super‘-Serie ist die Anpassung der Kühlung und der Lagerung. Da die höhere Leistung auch mehr Hitze erzeugte, mussten die Ingenieure in Waiblingen sicherstellen, dass die Maschine nicht nach zwei Stunden im Akkordbetrieb den Hitzetod stirbt. Die vergrößerten Kühlrippen am Zylinder und die robusten Kurbelwellenlager sind stumme Zeugen dieses Qualitätsanspruchs. Es ist dieses Übermaß an Material, das dafür sorgt, dass viele dieser Sägen nach über 40 Jahren immer noch den ersten Kolben haben. Wer eine 045 AV Super zerlegt, erkennt sofort den Unterschied zu heutigen Leichtbaumaßnahmen: Alles ist massiver, schwerer und auf maximale Standzeit ausgelegt.

AV-Technologie: Der sanfte Riese und der Schutz der Knochen

Das Kürzel ‚AV‘ steht für Anti-Vibration, eine Innovation, die heute Standard ist, aber zur Zeit der Einführung der 045 eine kleine Revolution darstellte. Bevor diese Systeme verbreitet waren, litten Waldarbeiter massiv unter der sogenannten Weißfingerkrankheit, einer Durchblutungsstörung, die durch die hochfrequenten Schwingungen der Motoren verursacht wurde. Stihl implementierte bei der 045 ein System aus Gummipuffern, die den Motorenblock vom Griffgehäuse entkoppelten. Wenn man die Säge heute im Standgas betrachtet, sieht man förmlich, wie der Motor im Gehäuse tanzt, während die Griffe relativ ruhig bleiben.

Natürlich darf man das nicht mit dem Komfort einer modernen Stihl MS 500i vergleichen. Die 045 vibriert nach heutigen Maßstäben immer noch ordentlich, aber im Kontext der 1970er Jahre war sie ein Segen für die Gesundheit. Man konnte länger arbeiten, ohne dass die Hände taub wurden. Diese Entkopplung hatte jedoch auch eine Kehrseite: Die Gummielemente wurden mit der Zeit spröde oder rissen bei extremer Belastung ab. Ein typisches Szenario für Besitzer einer gebrauchten 045 heute ist der Austausch dieser alten AV-Elemente, um die Präzision beim Schnitt wiederherzustellen. Wenn die Gummis ‚weich‘ werden, fühlt sich die Säge schwammig an, was bei einem so schweren Gerät gefährlich werden kann.

Die Ergonomie der 045 AV Super spiegelt den damaligen Zeitgeist wider. Alles ist groß dimensioniert, damit man die Maschine auch mit dicken Lederhandschuhen sicher bedienen kann. Der hintere Handgriff ist breit und bietet genügend Schutz, falls die Kette einmal reißen sollte – auch wenn das Kettenbrems-System bei den frühen Modellen oft noch fehlte oder nur optional war. Hier trennt sich die Spreu vom Weizen: Wer eine 045 ohne Kettenbremse betreibt, muss sich der Risiken bewusst sein. Die schiere Masse der rotierenden Kette bei 80 ccm Hubraum hat eine enorme kinetische Energie. Ein Rückschlag ist hier kein kleiner Ruck, sondern eine gewaltige Kraft, die man erst einmal bändigen muss.

Wartung und Pflege: Das Herz des Biest am Schlagen halten

Wer eine Stihl 045 AV Super besitzt, ist weniger ein Nutzer und mehr ein Kurator. Die größte Herausforderung bei dieser Modellreihe ist heute die Ersatzteilversorgung, insbesondere was die Zündung betrifft. Es gab zwei Hauptvarianten: Die Bosch-Zündung und die spätere SEM-Zündung. Erstere ist berüchtigt dafür, dass die Zündanker mit der Zeit den Dienst quittieren, und originaler Ersatz ist mittlerweile fast mit Gold aufzuwiegen. Viele Bastler weichen heute auf elektronische Nachrüstmodule aus, um den Funken am Leben zu erhalten. Es ist ein klassisches Beispiel dafür, wie moderne Elektronik hilft, alte Mechanik zu retten.

Ein weiteres kritisches Bauteil ist der Vergaser, meist ein Tillotson oder Walbro. Diese Präzisionsinstrumente reagieren empfindlich auf modernen Bio-Sprit, der die alten Membranen angreift und verhärtet. Wer seine 045 liebt, betreibt sie entweder mit Sonderkraftstoff (wie MotoMix) oder entleert den Tank nach jeder Arbeit komplett. Das Reinigen des Vergasers im Ultraschallbad und das Ersetzen der Membranen gehört zur regelmäßigen Wellness-Kur für dieses Modell. Wenn sie erst einmal richtig eingestellt ist, quittiert sie das mit einem Kaltstartverhalten, das man einer so alten Dame kaum zutrauen würde: Drei Mal ziehen mit Choke, einmal ohne – und der Wald bebt.

Man sollte auch die Schmierung nicht vernachlässigen. Die Ölpumpe der 045 ist eine robuste Konstruktion, aber sie muss eine Menge leisten, da diese Säge oft mit Schwertern von 50, 60 oder gar 75 Zentimetern Länge betrieben wird. Ein verstopfter Ölkanal oder eine verschlissene Schnecke können hier schnell zu teuren Schäden an Schiene und Kette führen. Es empfiehlt sich, nach jedem Einsatz den Bereich unter dem Kettenraddeckel akribisch zu reinigen. Der Mix aus altem Kettenöl und feinem Sägemehl verkrustet dort gerne zu einer betonharten Masse, die die Kühlung behindert und Korrosion am Magnesiumgehäuse begünstigt.

Im direkten Vergleich: Nostalgie gegen Hochtechnologie

Es ist ein faszinierendes Experiment, eine Stihl 045 AV Super direkt neben eine moderne Stihl MS 462 zu stellen. Auf dem Papier gewinnt die neue Säge fast jede Disziplin: Sie ist leichter, hat ein besseres Leistungsgewicht, eine effektivere Kettenbremse und verbraucht deutlich weniger Kraftstoff. Aber Zahlen sind nicht alles. Wenn es um das ‚Gefühl‘ beim Sägen geht, hat die 045 eine ganz eigene Dynamik. Während moderne Sägen ihre Leistung oft über extrem hohe Kettengeschwindigkeiten holen, drückt die 045 einfach durch. Man hat das Gefühl, einen großvolumigen V8-Saugmotor gegen einen hochgezüchteten Turbo-Vierzylinder antreten zu lassen.

Ein konkretes Szenario: Das Ablängen von Hartholzstämmen für Brennholz. Die MS 462 schreit förmlich durch das Holz, man muss sie auf Drehzahl halten. Die 045 hingegen brummt tiefer, man kann sie fast ‚fallen lassen‘ und das Eigengewicht der Säge die Arbeit machen lassen. Man führt sie eher, als dass man sie drückt. Das ist ein ergonomischer Vorteil der Masse, den man erst nach ein paar Stunden Arbeit zu schätzen lernt – vorausgesetzt, man hat die entsprechende Armmuskulatur. Für viele Sammler ist genau dieser Charakter ausschlaggebend. Sie wollen spüren, dass sie eine Maschine bedienen, keine Computer-gesteuerte Fräse.

Statistisch gesehen sind Unfälle mit alten Sägen ohne Kettenbremse deutlich schwerwiegender. Das muss man ganz klar sagen. Wer die 045 heute noch im Wald einsetzt, tut dies oft aus einer Mischung aus Tradition und Respekt vor der alten Technik. Viele Forstprofis nutzen sie mittlerweile nur noch für spezielle Aufgaben, wie das Aufsägen von Stämmen in einem Sägegestell (Milling), wo das hohe Drehmoment und die Standfestigkeit voll zur Geltung kommen. Für das tägliche Entasten wäre sie schlicht zu unhandlich und schwer. Sie ist die Spezialistin für das Grobe, die Diva für die dicken Dinger.

Einsatzgebiete heute: Zwischen Museum und Hartholz

Wo findet man die 045 AV Super heute noch? In zwei Welten. Die erste Welt ist die der Sammler und Oldtimer-Fans. Es gibt eine riesige Community, die diese Sägen bis zur letzten Schraube restauriert, die Gehäuse neu in den originalen Stihl-Farben lackiert und sie stolz auf Treffen präsentiert. Hier geht es um den Erhalt technischer Kulturgüter. Eine perfekt restaurierte 045 AV Super ist ein Blickfang in jeder Werkstatt und ein Zeugnis dafür, was Ingenieure ohne den Kostendruck der heutigen Globalisierung erreichen konnten.

Die zweite Welt ist die der privaten Brennholzwerber, die oft die Säge vom Vater oder Großvater geerbt haben. In vielen ländlichen Regionen ist es völlig normal, dass die ‚alte Stihl‘ einmal im Jahr aus der Scheune geholt wird, um 20 Festmeter Buche klein zu machen. Und genau hier beweist die Maschine ihre Daseinsberechtigung. Solange man sie mit Verstand führt und die Wartung nicht vernachlässigt, ist sie jeder modernen Billigsäge aus dem Discounter haushoch überlegen. Sie ist ein Werkzeug, das man reparieren kann, anstatt es wegzuwerfen – ein Nachhaltigkeitskonzept, das heute aktueller ist denn je.

Ein besonders spannendes Einsatzgebiet hat sich in der Szene der ‚Chainsaw Mills‘ entwickelt. Wer aus einem gefällten Baumstamm vor Ort Bretter oder Balken schneiden möchte, braucht eine Säge mit viel Hubraum und Ausdauer. Die 045 AV Super ist hierfür prädestiniert. Ihr Drehmomentverlauf erlaubt gleichmäßige Schnitte über lange Strecken, ohne dass der Motor überhitzt oder die Drehzahl massiv einbricht. Mit einer entsprechenden Längsschnittkette bestückt, verwandelt sich die alte Dame in ein mobiles Sägewerk, das Ergebnisse liefert, die sich sehen lassen können. Es ist diese Vielseitigkeit und die schiere Unkaputtbarkeit des Grundmotors, die sie auch Jahrzehnte nach ihrem Produktionsstopp relevant halten.

Die Stihl 045 AV Super ist weit mehr als nur eine veraltete Motorsäge. Sie ist ein mechanisches Erbe, das uns daran erinnert, dass wahre Kraft Zeit braucht, um sich zu entfalten, und dass Qualität ein Gewicht hat, das man spüren kann. Wer einmal das Privileg hatte, einen ganzen Tag mit ihr im Wald zu verbringen, weiß am Abend, was er getan hat – nicht nur wegen der Holzstapel, sondern wegen des angenehmen Zitterns in den Unterarmen, das einen noch lange in den Feierabend begleitet. Sie ist eine Maschine mit Seele, Ecken und Kanten, die in einer weichgespülten Welt der Plastikgehäuse und digitalen Assistenten wie ein Fels in der Brandung steht. Wenn Sie jemals die Chance haben, eine gut erhaltene 045 AV Super zu erwerben: Greifen Sie zu, schärfen Sie die Kette und lassen Sie den Wald wissen, dass die Legende noch lange nicht müde ist.

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